MRW2021: Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Sehr vielfältig zeigt sich das Programm der Menschenrechtswoche Tübingen (MRW) mit dem diesjährigen Thema “Diskriminierung – was tun, wenn Menschenrechte nicht mehr gelten?“. Die MRW Tübingen bringt jährlich mit ihrer Veranstaltungsreihe verschiedene studentische Initiativen auf einen gemeinsamen Nenner: Menschenrechte schützen und fördern.

An einer Veranstaltung, die mich dieses Jahr besonders bewegte, möchte ich Dich teilhaben lassen. 

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Neugierig klicke ich mich in den Zoom-Raum. Der virtuelle Raum füllt sich und ich bin erstaunt, wie viele Menschen trotz Zoom-Fatigue eintrudeln. Es ist ein Mittwochabend und mit mir sind 25 weitere Menschen gespannt auf die von Medinetz Tübingen e.V. veranstaltete Diskussion zum Thema “Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen“.

Die Diskutierenden stellen sich vor: Dr. Gottfried Maria Barth, Arzt auf der Akutstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen; Barbara Herzog, Psychologin beim Sozialforum Tübingen e.V.; sowie zwei Betroffene, die ihre Sicht auf das Thema teilen möchten. Folgend einige Einblicke:

Kategorien wie die “Normalos” und die “Psychos” gibt’s nicht

Den Start macht Dr. Barth und stellt uns erst mal Tina, die Stationshündin der Kinder- und Jugendpsychiatrie, vor, die dort das Herz vieler junger Menschen gewonnen hat. Er betont, wie schön sein Beruf ist, da er Menschen ihre Lebensfreude zurückgeben kann. Seine persönlichen Erzählungen zeigen, dass er für seinen Beruf lebt und ihm die gesellschaftliche Anerkennung seiner “Schützlinge” am Herzen liegt. Vor allem kritisiert er die Dichotomie von krank und gesund, da wir alle verschiedene Anteile in uns haben. Er macht uns klar, dass es kein Makel und nichts Schlimmes ist, in der Psychiatrie zu sein. Dabei sind es nicht einmal nur die anderen Menschen, die hier Vorurteile hegen. Betroffene diskriminieren sich selbst dafür und oftmals schämen Eltern sich dafür, wenn ihr Kind in der Psychiatrie ist. Durch die (Selbst-)Diskriminierung wird die Belastung noch multipliziert.

Barth verdeutlicht, dass ein Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik letztendlich das Gleiche wie ein Aufenthalt in der Kinderklinik, beispielsweise wegen einer Blinddarm-OP, ist. Dennoch werden psychiatrische Patient*innen immer anders behandelt: sie seien selbst schuld, die Eltern seien schuld, …  Die Eltern müssen hiervon entlastet werden und an der Stigmatisierung von gesellschaftlich oft als “Psychos” bezeichneten Menschen muss sich dringend etwas ändern.

Menschen mit Diagnosen bekommen einen Stempel aufgedrückt, den sie nur schwer wieder loswerden, so Barth. Er geht der Stigmatisierung auch ursächlich auf den Grund: Wenn ein Mensch sich anders als gewohnt verhält, löst dies Angst in uns aus. Diese wiederum löst Ausgrenzung aus. Dabei ist diese Angst unbegründet, “denn in diesen Menschen steckt so viel Tolles drin”, wie er mehrmals betont.

Menschen kommen freiwillig in die Einrichtung, wenn es ihnen nicht gut geht. Damit setzen sie sich über die gesellschaftlichen Normen hinweg und übernehmen Selbstverantwortung, so der Kinder- und Jugendpsychiater.

Die Menschen, die wir in der Psychiatrie kennenlernen, sind ganz, ganz tolle Menschen. Sie haben eine höhere Sensibilität, die eine Chance, aber auch ein Risiko sein kann. Ich bin dankbar, dass ich diese Menschen kennenlernen darf.
Gottfried Barth, Arzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen

Er empfiehlt das Buch „Vögel im Kopf“, welches von aktuellen und ehemaligen Patient*innen, Angehörigen und Mitarbeitenden geschrieben wurde. Darin wird klar, “was für tolle Menschen das sind, die mal psychiatrische Behandlung gebraucht haben”.

Warum psychische Erkrankungen eigentlich eine Stärke sind

A., eine selbst Betroffene, erzählt uns ihre Geschichte und zeigt damit eine wertvolle Perspektive auf. Bis sie eine Therapie bekam, die ihr half, musste sie insgesamt zehn Jahre warten. Wir sind erschrocken, welche Diskriminierungen sie bereits erfahren hat. Darunter auch eine lebensgefährliche: Sie wurde – nach Einsicht der Krankenakte – mit einer Lungenembolie auf die psychiatrische Station verlegt, anstatt physisch behandelt, wie es eigentlich notwendig gewesen wäre. Erst spät, als sie sich irgendwie bemerkbar machen konnte, begriffen die Ärzt*innen, was wirklich Sache ist. Doch auch in vielen anderen Situationen wurde sie nicht ernst genommen oder durfte sie sich “ziemlich unverschämte Dinge anhören”.

Sie rät dazu, bei Nachfragen im Vorstellungsgespräch nicht zu sagen “da war ich psychisch krank“, sondern “da gab es Belastungen, an denen ich hart gearbeitet habe”. Man soll die Stärke betonen, die man dadurch gewonnen hat. Denn Menschen legen sich durch psychische Erkrankungen wichtige Ressourcen zu. Im Studium hatte sie ihren Kommiliton*innen einiges voraus, weil sie bereits über Strategien verfügte, mit schwierigen und stressigen Situationen umzugehen.

Die Anwesenden sind sich einig, dass sich sowohl gesellschaftlich als auch im Gesundheitssystem einiges ändern muss. Die Stigmatisierung verstärkt das Leiden der Betroffenen und führt dazu, dass viele sich gar nicht erst Behandlungsmöglichkeiten suchen. Vor allem wird Menschen mit psychischen Erkrankungen oftmals noch immer der Zugang zu bestimmten Berufslaufbahnen erschwert oder sie werden im (Berufs-)Alltag diskriminiert. Darum ist es wichtig, mit Betroffenen zu sprechen und darüber aufzuklären, dass eine psychisch erkrankte Person nicht anders behandelt werden sollte als eine physisch erkrankte Person. Oftmals ist eine Trennung nicht einmal möglich. In beiden Fällen sollten wir die Menschen ernst nehmen und wahrnehmen, dass sie über genauso wertvolle Fähigkeiten verfügen wie alle anderen Menschen auch.